wagner und der kantor

22. Mai 2020: Genau 207 Jahre ist es heute her, dass in einem kleinen Haus am Leipziger Brühl ein Kind das Licht der Welt erblickte, das später das Musiktheater auf den Kopf stellte: Richard Wagner. Thomaner war der Opernrevolutionär zwar nie (die Thomasschule hatte er vorzeitig ohne Abschluss verlassen), aber dennoch ist seine Biografie mit der Historie des Chores verwoben.

Denn just der Thomaskantor erkannte das Talent im jungen Mann und legte den Grundstein für die Karriere – zunächst einmal, indem er dem Schulabbrecher ein Studium ermöglichte. Bei Christian Theodor Weinlig lernte der 18-Jährige die Grundlagen der Komposition und fügte sich auch den strengen disziplinarischen Regeln des Lehrers. Und obwohl der Unterricht nur ein halbes Jahr dauerte, betonte Wagner noch Jahrzehnte später, wie wertvoll diese Studien gewesen wären.

Die Musikgeschichtsschreibung hat darum für Weinlig, der 19 Jahre lang Thomaskantor war, lediglich das Prädikat „Wagners Lehrer“ übrig. Was schade ist, denn der 1780 geborene Spross einer angesehenen Dresdner Bürgersfamilie, die mehrere Minister hervorbrachte, besitzt ein ganz anderes und wirklich einzigartiges Alleinstellungsmerkmal. Von 1814 an wirkte Weinlig auch als Kreuzkantor in Dresden. Bis heute ist er darum der einzige, der gleich beide der traditionellen sächsischen Knabenchöre leitete.

Text: Hagen Kunze